Arler Erde – Review

Torfstechen, Fischen, Viehzucht und Deichbau – damit und mit noch viel mehr beschäftigen wir uns in Uwe Rosenbergs „Arler Erde“, einem extrem vielfältigen Workerplacement-Spiel.

Zuerst möchte ich gerne betonen, dass ich zu dem Teil unseres Teams gehöre, welches NICHT aus den nördlichen Regionen unseres Landes stammt. Das bedeutete in diesem konkreten Fall, dass die auf mich anfangs sehr verklärt wirkende Begeisterung für das Thema Deichbau und Viehzucht, welche hier seit dem Eintreffen dieses Spiels Einzug gehalten hatte, mich nicht ganz zu erreichen vermochte. Ich nahm also den Spielkarton skeptisch in die Hand und was mir zuerst auffiel war das Gewicht! Hätte ich ihn fallen gelassen, wäre er sicherlich im Stande dazu gewesen den Boden zu durchschlagen. Ich gehöre noch zu diesen Menschen für die Gewicht auf wertigen und zahlreichen Inhalt hindeutet. Nach dem Öffnen sollte sich diese Vermutung mehr als nur bestätigen: Die Schachtel war bis oben hin voll mit Stanzbögen aus dicker Pappe, wertig produzierten Holztierchen und sogar passenden Aufklebern um seine Arbeiter und Kühe zu individualisieren.

Zuerst griff ich nach dem, nach Anleitung aussehenden Heftchen. Dieses entpuppte sich aber als liebevoll gestalteter historischer Exkurs über die im Spiel thematisierte Region. Hammer! Das ganze ist zwar vollkommen unnötig um das Spiel einfach nur zu spielen, aber nach Sichtung der restlichen Materialien mit den ganzen für die Region typischen Handlungen und Gebäuden bekommt man hier die Möglichkeit tief in das gebotene Setting einzutauchen. Bitte mehr davon! An diesem Punkt will ich nur ganz beiläufig erwähnen, das es von Vorteil ist, wenn einem dieses Thema auch gefällt, denn das Spiel lebt definitiv von dem hierdurch generierten Flair.

Nach dem Studium der Anleitung und einem Blick auf die Referenzbögen war mir klar, dass ich bisher sehr selten so etwas gut durchstrukturiertes gesehen habe. Selbsterklärende Ikonografie in Kombination mit einer sehr gut gestalteten Spielerübersicht machen einem den Einstieg sehr leicht. Die Komplexität liegt bei diesem Spiel eher im Detail, denn es gibt einfach so unglaublich viele Möglichkeiten an Siegpunkte zu kommen, dass man sich von Anfang an eine entsprechende Strategie bzw. Spezialisierung angehen sollte. So können wir thematisch passend beispielsweise unseren Hof bewirtschaften und mit speziellen Gebäuden ausbauen, Land erschließen, Tiere züchten, Rohstoffe ernten und veredeln oder uns als reisender Händler verdingen um in den umgebenden Dörfern Waren einzutauschen. Für all‘ das bekommen wir am Ende des Spiels Siegpunkte. Das Ganze kann sogar noch durch das Verbessern einzelner Werkzeuge und Fuhrwerken optimiert werden… Sogar dafür gibt es Punkte.

Eine Partie geht über neun Halbjahre, effektiv sind das Spielrunden, immer Winter und Sommer im Wechsel. Je nach Jahreszeit sind nur entsprechende Arbeiten für die eigenen Arbeiter verfügbar und jeder Spieler hat vier Arbeiter mit denen er entsprechen Aktionen pro Halbjahr „besetzen“ darf. Das geht immer abwechselnd und bedeutet damit auch, dass man genretypisch seinem Gegenspieler beliebte Aktionen vor der Nase wegschnappen kann. Sehr gut hat mir bei dieser Mechanik gefallen, dass es so gut wie gar keine Downtime gibt, denn die einzelnen Aktionen gehen ziemlich zügig von der Hand, außerdem können z.B. Dinge wie das Veredeln von Rohstoffen und das Umpositionieren von Tieren jederzeit vorgenommen werden, so dass man sich damit im gegnerischen Zug die Zeit vertreiben kann. Nach dem letzten Halbjahr folgt dann eine finale Endabrechnung. Es gibt also kein konkretes Ziel, das es zu erreichen gilt. Die Optimierung der Arbeitsprozesse steht hier ganz klar im Vordergrund und davon gibt es, wie bereits erwähnt, massenhaft.

Dieses Spiel hat mich trotz des von mir nicht bevorzugtem Genre und der ebenso, für meinen Geschmack eher langweiligen, landwirtschaftlichen Thematik wirklich begeistert. Es gibt so endlos viele mögliche Strategien und Kombinationen, die man testen kann. Der Wiederspielfaktor ist riesig. Dennoch gibt es für mich ein paar wesentliche Punkte, die mir einfach nicht so recht gefallen mögen, das ist im Fall von Arler Erde aber keineswegs dem Spiel, sondern nur meinen persönlichen Vorlieben geschuldet: Zum einen besteht die einzige Interaktionmöglichkeit mit seinem Mitspieler ausschließlich darin ihm Aktionen vor der Nase wegzuschnappen. Kein Handeln, kein Einfluss auf andere Höfe, nichts. Ganz im Gegenteil: jeder der maximal zwei Spieler hat sogar einen eigenen Spielplan für einen Hof und seine Ländereien. Man optimiert so vor sich hin, bis irgendwann das Spiel zu Ende ist und dann werden Punkte gezählt. Was mich zum zweiten Punkt kommen lässt. Das Zusammenzählen dauert relativ lange, da man eben sämtliche Möglichkeiten Punkte zu generieren nacheinander abklappen muss und davon gibt es eben sehr, sehr viele. Alles in Allem ist Arler Erde sehr gelungen. Es macht für sein Genre alles richtig und setzt sogar noch eine Schippe drauf. Sogar Stefan hat seine so oft vermissten, Tütchen zum ordentlichen Sortieren des Materials mitgeliefert bekommen. Ich bin schwer begeistert. Wenn Euch das Thema gefällt könnt ihr hier, meines Erachtens nach, bedenkenlos zugreifen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen